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Strafpark

„We‘ve seen this!“

Das Kontrovers-Etikett hat sich Oscar-Preisträger Peter Watkins sauer verdient: Von Publikum und Kritik aufs Schärfste angegriffen, erfuhr seine Menschenjagd-Mockumentary erst in der Ära Bush erste Würdigung.

"Inwieweit kann man „Strafpark“ als paranoide Wahnvorstellung abstempeln, mit all dem, was in unserer heutigen Welt passiert?“, so Regisseur Peter Watkins über seinen 1971 erschienenen Film. Darin hat sich der Vietnamkrieg über ganz Indochina ausgebreitet, in den USA wird der Notstand ausgerufen. Der McCarran Act tritt in Kraft – der Exekutive wird nun das Recht gewährt, nach Belieben Menschen zu verhaften, die angeblich eine Gefahr für die innere Sicherheit darstellen. Diese werden nach kurzen Anhörungen vor die Wahl gestellt: Antritt einer absurd hohen Gefängnisstrafe oder drei Tage im „Strafpark“. Dort gilt es über 90 km feindliches Terrain zu durchqueren. Wer die am Ziel wehende US-Flagge erreicht, dem winkt die Freiheit. Wer vorzeitig von einem Law & Order-Vertreter aufgegriffen wird – Strafparks sollen gleichzeitig als Trainingslager für Polizei und Armee im Umgang mit vermeintlichen Staatsfeinden dienen –, muss seine Gefängnisstrafe antreten. Im Interesse der freien Welt sollen internationale Filmcrews die Geschehnisse im Strafpark
dokumentieren.

Wie in seiner Oscar-gekrönten und lange von der BBC unter Verschluss gehaltenen Atomkriegs-Mockumentary „The War Game“ verwischt der Brite Peter Watkins auch hier gekonnt die Grenze zwischen (medialer und politischer) Realität und Fiktion: In beängstigend real wirkenden Dokubildern bringt er die politischen Zustände in Amerika zur Zeit des Vietnamkriegs auf den Punkt. Watkins verzichtete auf ein Drehbuch, besetzte stattdessen die Figuren des Films entsprechend der politischen Überzeugung ihrer Darsteller und ließ diese dann improvisieren.

Der so erzeugte Realismus in Verbindung mit Watkins‘ zorniger System- und Medienkritik irritierte und verärgerte das zeitgenössische Publikum. Nur zwei US-Kinos wagten es überhaupt, den von der Kritik aufs Schärfste angegriffenen Film ins Programm zu nehmen. Zu schmerzhaft wurde der Zuschauer hier mit innen- und außenpolitischen Themen konfrontiert, die im eskapistischen Programm der Massenmedien ignoriert werden. Es ist wohl kein Zufall, dass Watkins‘ Vision erst zu Zeiten von Guantanamo Bay und Abu Ghraib größere Beachtung zuteil wurde – die „You‘re either with us or against us!“-Politik der Bush-Krieger schien der zu diesem Zeitpunkt bereits über 30 Jahre alte Film vorwegzunehmen. In der Ära Obama hingegen, die Tea Party und Occupy-Bewegung hervorgebracht hat, gibt das Psychodrama im Gerichtssaal zwischen jungen Idealisten und den konservativen Vertretern des Establishments exakt das vorherrschende politische Klima in den USA wieder. Watkins hielt 1972 fest, sein Film spiele „morgen, gestern und fünf Jahre in der Zukunft“ – und so bleibt „Strafpark“ auch über 40 Jahre nach seiner Entstehung noch unbequem, polarisierend und hochspannend.
Nicolas Hennemann

Strafpark
USA 1971 | Bavaria Media
Regie: Peter Watkins
Darsteller: Patrick Boland, Kent Foreman, Carmen Argenziano
Features: Einführung durch Peter Watkins, Audiokommentar, Kurzfilme u.v.m.
Fazit: revolutionäres Kino im wahrsten Sinne des Wortes – ein kompromissloser Mockumentary-Meilenstein

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