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Serj Tankian

Weltuntergang? Stimmung!

Eigentlich war er mit diversen anderen Projekten unterschiedlichster Musikrichtungen beschäftigt, doch aus heiterem Himmel flog ihm doch wieder ein Rockalbum zu. Denn: Harte Zeiten verlanen nun mal nach harter Musik.

"Ich war selbst überrascht davon, welche Richtung die Sache einschlug, denn ich hatte überhaupt nicht vor, in absehbarer Zeit Rockmusik zu schreiben“, sagt Serj Tankian. Und fürwahr: Mit einem Klassik-, einem Jazz- einem Elektronikalbum und einem Videospiel-Soundtrack in der Mache hat er eigentlich genug zu tun.

Bis er seltsame Meldungen über den plötzlichen Tod tausender Tiere an verschiedenen Orten las. „Mich hat das ziemlich berührt. Es sah wirklich so aus, als würden diese Tiere Selbstmord begehen. Es wurde zwar für die Einzelfälle eine lokale Begründung gefunden, aber nicht für dieses gehäufte Auftreten. Da fragte ich mich, wie kann es sein, dass all diese Wesen auf einmal diese Welt verlassen. Ist das ein Omen? Diese Frage inspirierte mich, ich fing an, zu schreiben wie wild, und plötzlich hatte ich all diese Rockstücke, ohne es zu wollen. Es war wie eine nicht geplante Schwangerschaft!“

Doch nicht nur Wunschkinder können zum ganzen Stolz des Papas heranreifen – „Harakiri“, so der Titel des vierten Soloalbums des System Of A Down-Frontmanns, ist schlicht und ergreifend der Hammer.

Galten „Elect The Dead“ (von dessen „Symphony“-Variante ganz zu schweigen) und „Imperfect Harmonies“ als hörens- wie bemerkenswerte Ausflüge in experimentellere Gefilde, wo Tankian abseits von SOAD seine Fühler in alle möglichen Richtungen ausstrecken durfte, bevor er irgendwann wieder in den Hauptjob zurückfindet (wann das geschieht, steht nach wie vor in den Sternen), ist „Harakiri“ das erste Album, bei dem man sich die Frage stellen darf, ob die alte Stammband überhaupt noch mithalten kann. Ja, so gut ist diese Platte.

Elektronik wird nur noch dezent eingesetzt, ansonsten regiert reinster, feinster Rock, der streckenweise hymnischer ausfällt als alles andere, was Tankian bislang angefasst hat. Grandios. Im Gegensatz zur Lage der Gesellschaft, was in Liedern wie „Uneducated Democracy“, „Occupied Tears“ oder „Reality TV“ deutlichst zum Ausdruck gebracht wird.

„Die Menschen scheinen sich all der politischen und ökologischen Umwälzungen gar nicht mehr bewusst zu sein, so apathisch sind sie. Deswegen ist die Botschaft auf diesem Album auch so ungefiltert, es bedarf einfach einer gewissen Dringlichkeit. Aber vermutlich muss erst eine wirklich drastische Katastrophe geschehen, die genug Leute betrifft, bis sich wirklich was ändert. Denn von Seiten der Politik wird garantiert nichts passieren, um das Ruder herum zu reißen.“

Bis das eintritt, dürfen wir uns nicht nur an der besten Musik erfreuen, die uns dieser ursympathische Tausendsassa je geschenkt hat, sondern auch seine Hingabe als Beobachter und Chronist des Unvermeidlichen bewundern. Ritueller Suizid hat selten so viel Spaß gemacht.

Robert Buchenwald

Serj Tankian
Harakiri
Reprise/Warner

"Harakiri" von Serj Tankian bei mp3.saturn.de

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