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Rush

Gesamtkunstwerk

Seit Jahren warten die Fans auf ein neues Studioalbum der kanadischen Artrocker. Dabei sind sie selbst nicht ganz unschuldig an der Pause. Doch das Warten hat sich gelohnt: Mit "Clockwork Angels" liefert das Trio ein multimediales Jahrhundertwerk ab.

Rockdinosaurier sind selten. Kein Wunder, dass man wenig von ihnen hört. Im Fall des kanadischen Trios dauerte es fünf Jahre seit dem letzten Studiowerk. Dabei schwärmte Bassist Geddy Lee bereits 2009 von sechs fertigen Stücken. Doch startete die Band ihre „Time Machine“- Tour und sah sich selbst in einem seltsamen Raum-Zeit-Kontinuum gefangen:

„Anfangs dachten wir, die Tour würde nur drei Monate dauern, aber dann hatten wir Anfragen aus der ganzen Welt.“ Ein nettes Paradoxon: Weil so viele Fans ihre Lieblinge live sehen wollten, mussten sie lange auf ein neues Album warten.

Auf Tour erinnerten die Herren Lee, Lifeson und Peart ihre Fans daran, wie sie so viele Bands und Trends in Urbesetzung überdauert haben: mit Talent, Virtuosität und gegenseitigem Respekt. „Es hilft, wenn du dich gut kennst, aber das kann auch vieles schwieriger machen, etwa wenn du deinem Freund ehrlich ins Gesicht sagen musst, dass du seinen Song nicht magst. Natürlich musst du das ausdiskutieren, aber dabei sicherstellen, dass keiner die Gefühle und Ideen des anderen despektierlich behandelt.“

Was 1974 mit einem lächerlichen Produktionsbudget von 9000 Dollar zum Debütalbum begann, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Acts der Artrockszene, weil sich der Dreier aus Toronto ein unverwechselbares Profil aus monumentalen Sounds, komplexen Kompositionen und anspruchsvollen Texten erarbeitete.

Bei Rush geht es bekanntlich nicht um schöne Frauen und schnelle Autos, sondern um Themen wie Korruption, Kriegsgefahr, Rassismus und Umweltverschmutzung, vorgetragen mit dem unverwechselbaren Organ Lees, das jetzt im reifen Alter einiges an Kreischfaktor verloren hat.

Das Warten hat sich gelohnt: „Clockwork Angels“ ist ein Konzeptalbum, besser ein Gesamtkunstwerk, basierend auf einem Roman des Science-Fiction-Autors Kevin J. Anderson, einem Freund von Schlagzeuger Peart. Musik und Buch bedingen sich gegenseitig in einer Geschichte, in der der Protagonist durch eine Fantasy-Welt mit Alchemisten und Piraten reist und Abenteuer gegen die Zeit bestehen muss. „Wir arbeiten daran, die Story visuell in unsere Bühnenshow einzubeziehen“, verspricht Lee.

Musikalisch zeigen sich Rush so vielschichtig wie selten: komplex und kunstvoll arrangierte Artrocknummern wechseln sich mit straffen Rock-Tunes ab. „Das Album steht definitiv auf der härteren Seite, es gibt aber auch bewegende und gefühlvolle Momente“, findet Lee.

Deren Extrempunkte sind sicherlich die Single „Headlong Flight“ und das episch orchestrierte, siebenminütige „The Garden“, „der vielleicht kompletteste Song, den wir je gemacht haben“, schwärmt Lee über das große Finale. Verwoben in einer Fantasy-Story, ist dieses Album übrigens auch ein Rückblick auf die eigene Karriere.

„Wir würden alles noch einmal machen“, lautet die Botschaft. Alles? „Okay“, lächelt Lee, „ich würde heute vielleicht eine andere Frisur als damals tragen.“

Stefan Woldach

Rush
Clockwork Angels
Roadrunner/Warner

"Clockwork Angels" von Rush bei mp3.saturn.de

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