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Running Wild

Aus dem Korsett befreit

Nach dreijähriger Liegezeit im Trockendock von Port Royal sticht Käpt'n Rolf Kasparek überraschend wieder mit seiner Fregatte Running Wild in die tosende, rockige See. Mit an Bord: sein neuestes Geschoss "Shadowmaker".

Eigentlich, so der Sänger/Gitarrist, habe er tatsächlich schon sein Piratenschiff Running Wild ausgemustert. Dann „preschte noch die Wacken-Geschichte dazwischen“, also das Abschiedskonzert am 30. Juli 2009 im Rahmen des Wacken:Open:Airs. „Allerdings“, so der in Hannover lebende Hamburger Jung, „sagte ich nicht, dass ich nie wieder ein Album einspielen werde, sondern betonte immer, dass es momentan dafür keine Pläne gäbe.“ Das sei zu dem Zeitpunkt „auch ernst gemeint“ gewesen.

Schuld an dem Running Wild-Comeback ist – wie sollte es auch anders sein? – die Plattenfirma. In diesem Fall das ehemalige Label von Running Wild:

„Es kam die Idee auf, sich mit einer Sammlung neu eingespielter alter Songs zu verabschieden, zumal die frühen Scheiben nicht mehr erhältlich sind. Dafür hätte man dann aber gerne zwei, drei brandneue Bonustracks gesehen. Die komponierte ich schließlich, stellte aber fest, dass die eigentlich viel zu gut ausfielen, als dass man sie zu Bonustracks degradiert – die hätten Besseres verdient, nämlich ein neues Album. Tja, und dann schrieb ich eben noch weitere Songs…“

Jene Erfahrungen, die Meister Kasparek inzwischen mit seiner Glam-Rock-Combo Toxic Taste sammelte, sollten sich dabei als unschätzbar wertvoll erweisen:

„Ich konnte mich da auf anderer musikalischer Ebene austoben – völlig ohne kommerzielle Zwänge. Dabei lernte ich vielerlei – als Produzent, als Songschreiber, als Musiker. Und diese Erfahrungen sind notwendig gewesen, um das Comeback möglich werden zu lassen. Denn nun bauten wir eine Menge Elemente in die Songs ein, an die ich früher nie im Leben gedacht hätte und die jetzt den Sound von Running Wild bereichern.“

Das wird jeder Hörer, der sich einmal „Shadowmaker“ ohral einführt, so – selbst mit drei bis fünf Achtel im Turm – unterschreiben. Da wären zum Beispiel die Chöre: Früher nahezu ausschließlich als Shout- Refrains auftauchend, dürfen die heuer schon mal mehrstimmig in Szene gesetzt werden.

Oder die keltischen Melodien in „Sailing Fire“ beziehungsweise die klassischen AC/DC-Riff-Rock-Anleihen in „Into The Black“, der stoische, Saxon-verdächtige Harley-Groove von „Piece Of The Action“ oder die Thin Lizzy-mäßige Akzentuierung in „Riding On The Tide“. Das alles wäre noch vor drei Jahren auf einem Diskus des „Rennenden Wilds“ tabu gewesen.

Doch für die größte Überraschung sorgt „Me & The Boys“, das sonnengeschwängertbeschwingt und locker-flockig um die Ecke rauscht, als wäre die Nummer während Kaspareks letztem Urlaub in L. fuckin’ A. mit ein paar Glam-Buben eingezockt worden. Der Urheber bestätigt: „Dabei handelt es sich um ein Stück aus dem Bestand von Toxic Taste, das mir aber dafür zu schwermetallisch ausfiel. Und genau genommen handelt es sich dabei um eine Hommage an meine Kindheitshelden Slade.“

Damit schließt sich der Kreis des Abschieds und des schnellen Comebacks: „‚Me & The Boys’ ist das beste Beispiel dafür, wie sehr sich Running Wild damals zu einem Korsett entwickelte: Die Lockerheit, das Ungezwungene im Kompositionsprozess waren kaum noch vorhanden. Zu dieser Erkenntnis verhalf mir aber auch erst Toxic Taste, denn dadurch kam jetzt in den Aufnahmeprozess jene Spontaneität hinein, die man so in der Form vielleicht seit Anfang der Neunziger nicht mehr von Running Wild hörte.“

Gute Überleitung zum Fazit: Wer eben diese fast schon naive Unbedarftheit im Sound der frühen Scheiben von Rock’n’Rolf & Co. verehrte, dürfte sich hier stante pede in die Frische und den Abwechslungsreichtum des „Schattenmachers“ verlieben...

Andreas Schöwe

Running Wild
Shadowmaker
Steamhammer/SPV

"Shadowmaker" von Running Wild bei mp3.saturn.de

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