l piranha – das Magazin für Musik, DVD, Film, Games und Entertainment – jetzt auch online » Kreator

Kreator

Grenzenlos

Für Mille Petrozza bietet Trash Metal immer noch eine künstlerische Herausforderung. Dabei sieht der Kreator-Kopf die Szene durchaus kritisch. Soundtrack-Metal und Identitätsrock sind ihm ein Gräuel. Stattdessen präsentieren Kreator auf Album Nr. 13 kompakte, eingängige Songs und frische, plakative Texte.

"Jubiläen find ich grausig“, macht Mille Petrozza deutlich, indem er das Gesicht verzieht. „Sie haben für mich den gleichen Stellenwert wie etwa Vereinsmitglied zu sein. Das mag ich nicht!“ 1982, also vor 30 Jahren, hatte Mille seine Schülerband Tyrant gegründet, aus der drei Jahre später Kreator hervorgingen.

„1985 sind wir das erste Mal nach Berlin gefahren, wo noch die Mauer stand, um unseren ersten Plattenvertrag zu unterschreiben. Keiner von uns hatte einen Führerschein, also fuhr mein Cousin“, erinnert sich der Frontmann der weltweit gefeierten Thrash Metaller aus dem Ruhrpott.

Inzwischen haben Kreator ihr 13. Album „Phantom Antichrist“ parat. Da stellt sich die Frage: Ist Metal für Mille noch kreative Herausforderung oder einengende Zwangsjacke? „Ich empfinde Metal als riesengroße Spielwiese. Man muss sich nur die Mühe machen, den Gestaltungsraum zu nutzen. Die Möglichkeiten der Gitarrenmusik sind grenzenlos“, schwärmt Petrozza. „Irgendwann ist dieser Name Kreator [deutsch: Schöpfer] für mich zum Selbstläufer geworden, ich versuche, kreativ zu bleiben.“

Auf „Phantom Antichrist“ befindet sich ein Beweis dafür, dass die Essener sich stets weiterentwickeln. In etlichen Songs werden die überragenden Fähigkeiten ihres Sologitarristen Sami Yli-Sirniö in den Mittelpunkt gestellt. „Das hat er verdient“, sagt Mille über den Finnen. „Er ist einer der besten Gitarristen der Szene und er spielt mit Seele. Das sollte man präsentieren.“

Des weiteren überzeugen die neuen Kreator-Nummern durch ihre Eingängigkeit. „Ich habe unsere Fans stets im Hinterkopf. Ich schreibe Songs und keinen Metal. Auf der Scheibe sind Lieder, die auch auf der Wanderklampfe funktionieren. Es ist für mich eine große Herausforderung, sie in ein Metal-Gewand zu bringen. Denn wir sind Kreator, unsere Musik muss extrem und brutal sein, doch sie darf nie langweilig und stumpf werden.“

Genauso ambitioniert wie die Musik schreibt Mille Petrozza die Texte für seine Band. Im Titelsong setzt er sich mit Religionen auseinander, die ihre Gläubigen mit Geistern und Dämonen wie beispielsweise dem Teufel peinigen. „Die Religionsführer wollen Kontrolle. Durch solche Götzen wie den Teufel können sie Terror und Angst verbreiten, um Menschen zu kontrollieren.“

In „Death To The World“ setzt sich der Autor mit den knapper werdenden Ressourcen auseinander. „Es ist eine Fortsetzung unseres Songs ‚Toxic Trace‘ von 1987. Inzwischen bin ich informierter, damals gab es die Bedrohung durch die Atombombe, heute ist es das Thema Energie. Dafür benutze ich plakative Worte wie ,the whole human race shall die‘, denn Metal braucht eine Bildsprache.“

„The Few, The Proud And The Broken“ behandelt das Phänomen der Gehirnwäsche am Beispiel von Soldaten. „Die Regierungen versprechen den Soldaten immer, dass es ein sauberer Krieg wird. Die Wahrheit konnte man durch WikiLeaks sehen, die eine Aufzeichnung aus einem amerikanischen Bomber veröffentlichten. Die Piloten sprechen miteinander und erschießen einen Mann, weil sie glauben, er hätte ein Waffe. Darauf laufen viele Menschen zusammen, die haben sie auch alle erschossen. Später stellte sich heraus, der Mann war einer der berühmtesten Fotografen des Irak.“

Im Unterschied zu den meisten deutschen Bands haben Kreator ihre Karriere stets international angelegt. Der Vierer hat mittlerweile auf allen fünf Erdteilen gerockt. „Im Ausland waren wir lange Zeit erfolgreicher. In Deutschland ernstgenommen zu werden, hat lange gedauert. Jetzt werden wir eine US-Tour mit Accept spielen. Sie werden vor uns auftreten, was ich seltsam finde, denn Accept sind bis heute ein großer Einfluss für uns.“

So sehr Mille es liebt, über seine Band zu reden, so wenig weiß man über den privaten Miland „Mille“ Petrozza. „Ich hasse Homestories“, sagt er bissig, „privat bin ich ein ganz normaler Typ, der gerne ins Kino geht, Bücher liest und Sport treibt. Ich schütze mein Privatleben, weil es privat ist.“

Henning Richter

Kreator
Phantom Antichrist
Nuclear Blast/Warner

"Phantom Antichrist" von Kreator bei mp3.saturn.de

Share and Enjoy:
  • Print
  • Digg
  • Sphinn
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Mixx
  • Google Bookmarks

 

Das kommentieren von Artikeln ist deaktiviert.

  • Aktuelle Ausgabe

    Von Eißfeldt zu Boba Fett zu Eizi Eiz zum Delay Lama zu Jan Delay und zurück – Jan Phillip Eißfeldts diverse Alter Egos können durchaus als Beleg für seinen musikalischen Facettenreichtum verstanden werden. mehr...
  • Aktuelle Ausgabe

    Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger werden im knallharten Actionthriller in ein vermeintlich fluchtsicheres Hightech-Gefängnis gesteckt. mehr...
  • CD des Monats

    Es sind nicht mehr Viele übrig geblieben von der jungen, hungrigen Rapergeneration der Neunziger. Wer nicht im 9-to-5-Job gelandet ist, der musste sich mindestens einmal selbst neu erfinden, um relevant zu bleiben. mehr...
  • DVD des Monats

    Zwei in ihrem Charakter grundverschiedene Ikonen des Rennsports sind die Hauptfiguren im hochspannenden und geschwindigkeits- berauschten Sportdrama von Regisseur Ron Howard. mehr...
  • Piranha auf Facebook

  • piranha playlist

  • Newsletter

    Mail

  • piranha präsentiert

    Tour du Jour
    Ebenso wie der Hörgenuss zuhause, ist Vampire Weekend auch live und in Farbe ein Erlebnis für alle Sinne - und vor allem für die zappeligen Füße. mehr ...
  • Charts

      Die internationalen Charts im August haben keinen eindeutigen Überflieger - diese Woche präsentiert uns 19 verschiedene Spitzenreiter in 19 Charts!

    • piranhas Polltergeist

      Was ist euer Sommer-Hit 2013?

      Ergebnis

      Loading ... Loading ...