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Keane

Mit offenen Armen

Über die Uferpromenade in Bexhill-on-Sea fegt eine ziemlich steife Brise an diesem Freitagnachmittag im März.

Nur wenige Menschen haben sich zu einem kleinen Strandspaziergang aufraffen können, ohnehin liegt über dem etwa 40.000 Einwohner zählenden Seebad in East Sussex an der südostenglischen Küste der kalte, graue Hauch des langsamen Verfalls.

Mit Abstand belebtester Ort am Strand ist das „Sovereign Light Café“ – das Hüttchen in der Größe einer Doppelgarage offeriert bodenständige Speisen und Getränke, das Seniorenmenü bestehend aus Fish & Chips, Schokokuchen und Tässchen Tee kostet rentenschonende 5,50 Pfund.

Man beschallt das Publikum hier per Dauerrotation mit „Hopes & Fears“, der ersten und bis heute erfolgreichsten CD von Keane, was dieses zu schätzen weiß, denn es besteht zu einem beträchtlichen Teil aus Keane-Fans, die sich auf den Abend freuen. Dann nämlich werden Keane im fünf Fußminuten entfernten und im Siebziger Jahre-Sozialismus-Look erbauten Kulturzentrum „De La Warr Pavilion“ ein Konzert spielen – ihr allererstes mit den Songs des neuen Albums „Strangeland“.

Tja, und da wir schon dabei sind, schließt sich gleich noch ein Kreis: Keane kommen aus Battle, dem weiter im Landesinneren gelegenen Nachbarort von Bexhill. Sänger Tom Chaplin, 33, und Songschreiber/ Keyboarder Tim Rice-Oxley, 35, sind uralte Schulfreunde und verlebten an der Promenade unbeschwerte Jahre, die sie nun im neuen, furios poppigen Song „Sovereign Light Café“ aufleben lassen.

„Wir fühlten uns mit 16, 17 wie die Könige der Kleinstadt. Wir dachten, alles ist möglich. Jetzt sitzen wir hier, 15 Jahre später, und stellen fest, dass man als Jugendlicher keine Ahnung hatte. Man hat die Arglosigkeit verloren und die Gewissheit, dass am Ende alles gut werden wird.“

Tim und Tom hocken in einem winzigen Verschlag hinter der Bühne, wir treffen sie kurz vor dem Konzert, das übrigens großartig wird, ein Heimspiel vor hingerissenen Menschen buchstäblich jeden Alters. Es fällt schon ins Auge, dass Nostalgie auf ihrem vierten Album eine tragende Rolle spielt.

Den Auftakt macht „You Are Young“, im Stück „Watch How You Go“ etwa leuchten sie ihre eigene langjährige und auch trotz Dramen wie Toms überwundener Alkoholsucht vor fünf Jahren unerschütterliche Freundschaft aus, auch „Sea Fog“ ist von der Heimat inspiriert, Tim hat sein Studio außerdem so genannt.

„In unserer Musik ist es traditionell so, dass sich Melancholie und Euphorie die Waage halten. Wir streben eine Balance zwischen Hell und Dunkel, zwischen Verzweiflung und Widerstandsfähigkeit an.“

Nach dem experimentellen Pop-Disco-Werk „Spiralling“ und einer darauffolgenden vierjährigen Albumpause ist Keane, die jetzt mit Drummer Richard Hughes und Bassneuzugang Jesse Quinn zu viert sind, der Gefühlsspagat auf „Strangeland“ überzeugend gelungen.

Tim hat seit einigen Jahren Familie, Tom im vergangenen Sommer geheiratet, das färbt ab. „Ich bin verständnisvoller geworden, bin weniger zynisch und insgesamt menschenfreundlicher.“ So ist „Strangeland“ ein sehr warmes, wieder mehr auf Rice-Oxleys Pianokünsten basierendes und im besten Sinne fettes Album geworden.

„Die Songs kommen mit offenen Armen auf dich zugelaufen“, sagt Tim. „Und dann streicheln sie dir die Wange, statt dir eine Ohrfeige zu geben.“

Steffen Rüth

Keane
Strangeland
Island/Universal

"Strangeland" von Keane bei mp3.saturn.de

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