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Haywire

Bond? Bourne? Kane!

Kampfexpertin und Mixed Martial Arts-Cham­pion Gina Carano muss sich in Steven Soderberghs knallhartem und schlauem Agententhriller mit Verrätern in den eigenen Reihen auseinandersetzen. 

Wir befinden uns bereits in der Mitte des Films. Wir wissen bereits, dass Mallory Kane (Gina Carano) als Agentin einer privaten Sicherheitsfirma für besonders dreckige Jobs gebucht wird. Ebenso, dass sie einem perfiden Komplott auf der Spur ist, für dessen blutige Konsequenzen sie nun als Sündenbock herhalten soll. Welche Rollen ihr Partner Aaron (Channing Tatum), Chef Kenneth (Ewan McGregor), Regierungsmann Coblenz (Michael Douglas) oder Kontaktmann Rodrigo (Antonio Banderas) spielen, ist ebenso unklar wie das genaue Ziel der Machenschaften hinter den Geheimdienstkulissen.

Nach einem filmischen Globetrottertrip durch New York, Barcelona und Washington, D.C. landen wir mit Mallory nun in einem echten Bond-Moment: schnieke Abendveranstaltung in herrschaftlichem Anwesen, tolle Abendkleider bei den Damen, Smoking bei den Herren. Mallory ist soeben schmerzhaft klar geworden, dass sie nach allen Regeln der Doppelagentenkunst verraten worden ist. Jetzt begibt sie sich mit MI6-Kollege Paul (Michael Fassbender) aufs gemeinsame Hotelzimmer, scheue Blicke und ein Lächeln werden getauscht, die Atmosphäre scheint erotisch zu knistern. Was folgt, ist eine wunderbare Anti-Bond-Szene, mit der Regisseur Steven Soderbergh die Erwartungshaltung des Publikums brillant auf den Kopf stellt. Denn sobald die Hotelzimmertür ins Schloss gefallen ist, lassen die beiden Agenten in ungestörter Zweisamkeit ihren Impulsen freien Lauf. Was folgt, ist jedoch kein Sex, sondern ein brutaler Kampf auf Leben und Tod, der die gesamte Zimmereinrichtung in sperrmülltaugliche Einzelteile zerlegt und schließlich als Klimax der Gewalt passenderweise im Schlafzimmer den abschließenden wie tödlichen Höhepunkt findet. Prägnant und bemerkenswert klar choreografiert ist diese Szene, ebenso wie die anschließende Verfolgungsjagd über die Dächer von Dublin. Das Beste aber: Nicht das erste Mal zeigt Soderbergh in seinem feinen Agentenactioner, wie sehr Bond, Bourne und Konsorten die Erwartungshaltungen des Publikums und unseren Sinn für physikalisch wie körperlich machbare Actionleistungen beeinträchtigt haben. Soderbergh macht stattdessen lieber sein eigenes Ding.

Und beweist sich damit erneut als filmisches Chamäleon. Zwischen Blockbusterkino der größten Promistrahlkraft und verschwurbeltem Arthaus balanciert er seine Projekte, um selbst bei seinen kommerziellsten Arbeiten die eigene Handschrift sowie den selbstironischen Twist oder den bösen Widerhaken nicht zu vergessen. Gleichzeitig mit Hits wie „Ocean‘s Eleven“ starbesetztes und megaerfolgreiches Blockbusterkino zu präsentieren, um im unmittelbaren Anschluss mit Indiefilmen wie „Bubble“ Sehgewohnheiten oder gar ganze Geschäftspraktiken aus den Angeln zu heben, ist für einen Hollywood-Granden seines Formats eher ungewöhnlich. Eine Handvoll ähnlich veranlagter Regiekollegen lässt dabei den aufmerksamen Zuschauer gerne spüren, was gut bezahlte Auftragsarbeit ist, mit der die Miete bezahlt wird, und in welche Filme wirklich Herzblut fließt. Ein Eindruck, der bei Soderbergh nie entsteht. Viel eher scheint es, dass er besonders bei seinen finanziell lukrativeren Projekten bemerkenswerte Qualitäten im Stoff findet, die in den Händen eines anderen Filmemachers kaum denkbar wären. Denn die Prämisse von „Haywire“ – Ex-MMA-Champion ohne Schauspielerfahrung debütiert in Actionthriller – ließe im Normalfall nicht auf filmischen Hochgenuss schließen, sondern klingt nach Ramschverkaufskiste.

Nicht bei Soderbergh, der „Haywire“ zum brillanten Agententhriller macht, der zerebral mit wendungsreicher und doppelbödiger Story überzeugt, während Carano als sichtbar erfahrene Profikämpferin die Adrenalinkicks liefert und damit beweist, dass in Zeiten von CGI-Effekten und 3D-Getöse handgemachte Brachialaction immer noch unschlagbar ist. Kleine schauspielerische Defizite seiner drahtigen Hauptdarstellerin lässt Soderbergh von seinen bemerkenswert prominenten Nebendarstellern auffangen, während er selbst mit „Haywire“ einen clever ausgefeilten Plot und explosive, in der Realität geerdete Actionszenen zum schlichtweg brillanten Agententhriller verwebt.
Gerhard Maier

Haywire
USA 2011| Concorde
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Gina Carano, Ewan McGregor, Michael Douglas, Michael Fassbender
Features: Featurettes, Trailer, Wendecover

Fazit: lakonischer und auf Realismus gebürsteter Actionthriller mit der großartigen Newcomerin Gina Carano

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