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Die Stadtneurotiker

Sie sind jung,  faszinierend anders und stellen lieber komplizierte Fragen, als vermeintlich lustige Antworten zu geben: Mit seiner aktuellen Über-Single "We Are Young" ist das New Yorker Alternative-Pop-Dreigespann fun. momentan aus keiner Hitparade der Welt mehr wegzudenken, mit dem bejubelten Durchbruchs-Zweitwerk "Some Nights" erschien das wohl aufregendste, eigensinnigste und vielleicht sogar wichtigste Album des laufenden Jahres kürzlich auch in Deutschland.

Sie selbst wirken ein wenig verhuscht, zurückhaltend, fast schon nerdy. Sind sie auch, irgendwie. Nichtsdestotrotz oder möglicherweise genau deshalb haben Sänger Nate Ruess, Gitarrist Jack Antonoff und Multiinstrumentalist Andrew Dost mit „Some Nights“ ganz großes Pop Noir-Kino erschaffen.

Oder jedenfalls den mitreißend bipolaren Soundtrack zu ihrem ganz eigenen, mal dramatisch-verschrobenen, mal bittersüßen, mal borderline-symptomatisch-verqueren Stadtneurotikerdasein im Big Apple. Seltsam schimmernde Indiepop-Gloriole zwischen Queen und Weezer, The Verve und 3OH!3. Und gleichzeitig so anders, dass jede Referenzgröße angesichts der drei Exzentriker zwangsläufig versagen muss.

In Songs verewigte Nächte, in denen fun. nicht nur von der Muse geküsst, sondern offenbar von einem kompletten, inspirationstollen
Musenregiment regelrecht »What do I stand for? Most nights I don‘t know anymore...« (aus: „Some Nights“) überrumpelt wurden. Von ersten Anfängen in der Geheimtippband The Format zur gefragtesten Newcomer-Sensation 2012. Spaß war gestern – heute ist fun.

„Selbst für Typen wie uns ist diese Situation extrem surreal“, erklärt fun.-Frontmann Nate Ruess. „Wir machen es nun schon so lange und haben einfach sehr viel von der anderen Seite der gleichen Medaille gesehen, nach den Shows oft auf irgendwelchen Fußböden unserer Fans geschlafen und sind jahrelang für kaum mehr als eine warme Mahlzeit aufgetreten. Ich denke, wir haben uns zumindest gedanklich in den letzten zehn Jahren sehr gut auf diesen Hype vorbereiten können...“

Ein Hype mit Folgen. Und mit einer Vorgeschichte, wie jedes Großereignis im Pop. Wie fun. klingen heute nur fun. Und das aus gutem Grunde, wie Nate ergänzt: „Wir schauen uns sehr genau an, was im Radio läuft. Deshalb wissen wir, was wir tun können und was wir lieber nicht machen sollten. Tatsächlich hat uns extrem viel modernes Zeug beeinflusst: HipHop, Pop. Und 70s-Rock.

Die heutige Rockszene ist in einem desolaten Zustand, Rock ist seit mehr als zehn Jahren tot. Wenn man sich die momentanen Rockcharts durchliest, ist das wie ein Anschauungsbeispiel dafür, was man alles nicht machen sollte. Man könnte es als gute Abschreckung nehmen, als ‚Dos and don‘ts‘-Liste. Wir haben das Beste der 60er, 70er und 80er ins Heute transformiert. Wir haben keine Absicht, uns von der Rockmusik wegzubewegen. Ganz im Gegenteil: aber wir nähern uns ihr aus einer völlig anderen Richtung.“

Namentlich: Queen, die Rolling Stones und Guns N‘ Roses. „Unashamed rock bands“, wie Gitarrist Jack Antonoff aus führt. „Stolze Bands, die für Werte stehen und keine Hampelmänner sind.“

HipHop, Pop, Rock und – Woody Allen. Genau. Eben jener ideologische Ziehvater Freud aller urbanen Zweifler und Verzweifelten, der mit Leinwand-Meisterwerken wie „Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“ oder „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ Generationen von Großstadtgestörten prägte: die gleichen Fragen, der gleiche, fast atheistische Humor, dieselbe subtile Brutalität, die feinen Untertöne, die gleiche Schönheit der Traurigkeit. Bittersweet symphonies in den Charts. Immer aber mit einem Augenzwinkern.

„Woody Allen hat tatsächlich einen Großteil der Songs auf ‚Some Nights‘ inspiriert. Er inspiriert alles. Nicht nur unsere Musik. Unsere Texte, sogar unseren Lifestyle. Der Titeltrack sollte exakt so wie der Opening-Song seines Films ‚Manhattan Murder Mystery‘ klingen. Ich denke manchmal, wir werden genauso missverstanden wie er.

Wir erwarten nicht, dass man unsere Lyrics komplett versteht, wenn wir im Radio laufen. Aber ‚We Are Young‘ wurde gerade als so genannter ‚Feelgood-Hit des Sommers‘ bezeichnet. Häh? Wenn man diesen Song vor 1000 betrunkenen College-Schülern spielt, dann ja. Dann kann er sogar eine Hymne aufs Leben sein. Auf das Jungsein. Wenn man nicht allzu sehr auf die Lyrics achtet, sondern nur den Refrain mitsingt. Doch wenn man sich den Track einmal näher anschaut, den Text durchliest oder einfach nur genau hinhört, merkt man, dass es im Grunde ein ziemlich düsterer Song ist.“

Unterschwellig, wie fun. Und so düster wie die Kardinalsfrage, die sich wie ein schwarzer Faden durch „Some Nights“ zieht: What do I stand for? Wer bin ich eigentlich? Unsicherheit, Unwägbarkeiten. Eine Menge Fragezeichen aus New York City. Antworten? „Nein. Ich habe bisher noch keine einzige Antwort auf all diese Fragen gefunden, die ich auf der Platte stelle. Vielleicht muss ich es auch gar nicht...“

„Es ist ziemlich mutig und verwegen, vorzugeben, auf alles eine Antwort zu haben“, wirft Antonoff ein. „Das ist genau das, was heute verkehrt mit der Welt läuft. Jeder scheint auf alles eine Antwort zu haben. Wir sind besessen von Antworten. Die Leute fürchten sich davor, irgendwann einmal keine Antwort zu haben und sich Dinge nicht erklären zu können.

Es ist leicht, zu sagen, ich glaube an Gott, weil ich vielleicht Christ, Jude, Moslem oder was auch immer bin. Weil es 90 Prozent der Bevölkerung so machen und genau festgelegt ist, was man tun muss. Die Sekunde, in der man in den Spiegel schaut und sich eingesteht, dass man im Grunde von den meisten Dingen nicht die geringste Ahnung hat, ist der Moment, in dem man sich mit viel größeren, bedeutenderen Fragen beschäftigen muss. Die meisten Menschen sind dazu nicht in der Lage, weil sie sich fürchten und nie gelernt haben, selbstständig zu denken.“

Mit „Some Nights“ folgt nun also das große Manifest, das Bekenntnis zur Unwis-senheit. Tag und Nacht.„Vielleicht. Ich würde jedem Mut machen, in die Dunkelheit zu schauen und sich zu trauen, zuzugeben, dass er nichts weiß. Nichts ist doch inspirierender, als keine Antworten zu haben und sich auf die Suche machen zu müssen! Antworten sind langweilig. Fragen sind das, worum es im Leben geht. Jeder sollte sich auf das konzentrieren, was ich noch nicht weiß. Dinge über sich selbst, andere und das Leben lernen.“

„Und wir sollten mehr lachen“, beschließt Nate Ruess das Gespräch mit einem Blick auf das Leben. Sein Leben. „Es ist so schrecklich lang. Und auch so schrecklich intensiv bisweilen. Im Grunde bin ich ein Pessimist. Aber als Pessimist schafft man es nicht sehr weit. Also bin ich ein pessimistischer Optimist.

Zuzugeben, dass es durchaus viele fürchterliche Dinge im Leben gibt, ist nicht pessimistisch – es ist lustig. So wie mein Lieblingszitat von Woody Allen: ‚Zwei Frauen im Restaurant. Die eine: Das Essen hier ist furchtbar. Die andere: ja, aber die Portionen sind so schön groß!‘ So ist das Leben. Brutal. Und manchmal sogar wunderschön. Fun eben.“

Thomas Clausen

fun.
Some Nights
atlantic/Warner

"Some Nights" von fun. bei mp3.saturn.de

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