Enter Shikari
Mit uns nicht!
Selbstbestimmung war schon immer der unumstößliche Grundsatz des Quartetts aus der beschaulichen Grafschaft Hertfordshire im Norden Londons, das gänzlich im Alleingang zur festen Größe am Rockfirmament der Insel und darüber hinaus wurde. Ein Prinzip, das Enter Shikari nicht nur für eine Karriere im Musikgeschäft empfehlen, sondern auch im Kampf gegen den gesellschaftlichen Zusammenbruch. Denn eins machen sie unmissverständlich klar: "We're sick of this shit."
Von Beginn an veröffentlichten sie ihre Musik auf ihrem eigenen Label Ambush Reality, kümmerten sich um Promotion, Marketing, Vertrieb, Booking, Merchandise, und wurden für dieses Doityourself-Ethos reich belohnt.
In London füllten sie 2006 das altehrwürdige Astoria, ohne von der Musikindustrie je wahrgenommen worden zu sein, ihr Debütalbum „Take To The Skies“ fand über eine Viertelmillion Abnehmer – Enter Shikari hatten ohne Umwege Kultstatus erreicht. Seither touren sie unermüdlich durch die Welt, veröffentlichten 2009 ihren Zweitling „Common Dreads“ und streuten zwischendurch immer mal wieder Singles unters Volk.
Nur für größere Chancen in den USA ließ man sich mit einem Majorlabel ein, doch für Frontmann Roughton „Rou“ Reynolds war auch das eine wichtige Erfahrung:
„Wir haben so beide Seiten dieses Geschäfts kennen gelernt, was sehr lehrreich war. Aber es ist definitiv besser, alles selber zu machen. Verdammt viel Arbeit ist es auch, klar, aber wir sind unabhängig und sehr glücklich damit, nur einen Vertriebsdeal zu haben. So müssen wir uns nicht mit irgendwelchen Idioten aus der Industrie rumschlagen, die nur an dir verdienen wollen. Das Beste ist, dass du deine Ideen unmittelbar umsetzen kannst, ohne vorher bei deinem Label um das Budget dafür betteln zu müssen.“
Eine Funktionsweise, die durchaus dem konservativen Ethos entspricht: Nimm dein Leben selbst in die Hand! Verlasse dich nicht auf andere, um ein Auskommen zu haben! Nutze deine Chancen!
Die Chancen, dass Enter Shikari und David Cameron jemals auf ein Bierchen in den Pub gehen, stehen jedoch eher schlecht, denn wenn Rou und Co. zum Stand der Dinge in unserer Gesellschaft Stellung nehmen, weht den Mächtigen der Welt ein Feuersturm der Rage entgegen. Wie schon im August 2011 bei den Ausschreitungen in ganz England, die Rou nicht mal persönlich erlebte.
„Wir waren gerade in den USA, wo die Nachrichten natürlich nichts davon erwähnten. Ich bekam es nur im Internet mit und von meiner Freundin, als ich mit ihr telefonierte. Sie lebt in Camden und sagte mir, wieviel Angst sie hatte.“
Die „London riots“ wurden seither heftigst diskutiert, die einen reden vom gesellschaftlichen Verfall, von benachteiligten Bevölkerungsschichten, die ihrer Verzweiflung Ausdruck verliehen, die anderen dagegen von zynischen Opportunisten, die nur so zum Spaß plünderten und randalierten, obwohl es ihnen gar nicht schlecht geht.
„Großbritannien ist immer noch besessen von Klassenunterschieden, und vielen Menschen ist nicht bewusst, wie tief die Kluft ist. Aber es gibt nun mal eine Klasse, die durch die Politik jeglicher Hoffnung beraubt wurde, und irgendwann musste diese Aussichtslosigkeit sich gewaltsam entladen. Dass dabei gleichzeitig eine Reihe von Leuten mitmachten und Fernseher klauten, die es sich absolut leisten könnten, einen zu kaufen, zeigt doch nur, wie zynisch und krank diese Kultur der Gier ist, in der wir mittlerweile leben.“
Ein Zeichen der Zeit, vor allem aber ein Zeichen der Endzeit, denn die Ereignisse der letzten Monate und Jahre belegen für Rou vor allem eins:
„Jetzt offenbart sich doch endlich für alle, wie der Kapitalismus wirklich funktioniert – er zerstört sich selbst! Technologie und der Zwang zu immer niedrigeren Kosten und höheren Dividenden für Aktionäre führen dazu, dass immer mehr Jobs wegfallen, und langsam begreift die breite Masse, dass diese Jobs nicht mehr zurückkommen werden. Wenn es keine Jobs gibt, haben die Leute aber auch kein Geld, und kein Geld bedeutet kein Kapital.“
All das schlägt sich nun auf „A Flash Flood Of Colour“, dem dritten Album der Briten, nieder, und zwar nicht in unnötig verklausulierten Parabeln, sondern unverblümten, ans Plakative grenzenden Kampfansagen an das herrschende System. „Hey, es passiert einfach so viel in der Welt, dass es uns schwer fällt, nicht geradeheraus zu sagen, was Sache ist.“
Und so hören wir, wie Bomben auf Afghanistan für hohe Gewinne sorgen, dass der Zug Richtung Apokalypse pünktlich ist, während der Richtung Nachhaltigkeit Verspätung hat, dass die Geschichte sich immer wieder wiederholen wird, wenn wir nicht zu grundlegenden Veränderungen bereit sind, was wiederum wenig wahrscheinlich ist, solange man statt einer fundierten Auseinandersetzung mit selbiger Geschichte nur Lügen wiederkäut.
„Our generation has to fight to survive“, ist da zu hören, doch gleichfalls, dass es eine aufregende Zeit ist, um am Leben sein. Denn was Enter Shikari nicht wollen, ist einfach nur jammern.
„Wir sprechen gezielt die Dinge an, die unserer Meinung falsch laufen. Aber wir wollen nicht nur gegen ‚die da oben’ anstänkern, sondern den Leuten klar machen, dass sie nicht alles akzeptieren müssen. Wer sich unsere Musik anhört, soll verstehen, dass er die Macht hat, etwas zu bewegen, dass jeder die Fähigkeit hat, Gutes zu bewirken. Und dass es höchste Zeit ist, damit anzufangen.“
Wie heißt es in der ersten Single-Auskopplung „Sssnakepit“ doch so schön? „When the weight of all the world is pushing down, just push right back!“ Bei allem Revolutionsdrang muss man aber nicht darauf verzichten, Spaß zu haben.
„Wir hatten noch nie große Ambitionen oder hochtrabende Pläne. Wir wollen den Leuten eine gute Zeit bieten und ihnen etwas Positives mitgeben.“ Und das gelingt mit der einzigartigen Musik des Vierers ganz vorzüglich. Der Mix aus Hardcore, Techno, Pop und Drum’n’bass, den Enter Shikari von Beginn an praktizierten, wird auf „A Flash Flood Of Colour“ in neue Höhen geführt.
Neuartig ist so ein Genre-Crossover natürlich längst nicht mehr, doch niemand (vielleicht mit Ausnahme von Korn auf ihrem jüngsten Album) presst ihn in solcher Perfektion in die Rille.
Fieseste Gitarrenattacken, epilepsieträchtige Beatgewitter, hymnische Hitmelodien, gekonnt gesetzte Effektakzente, tief empfundene Emotion, wuchtige Produktion, unverhohlener Enthusiasmus und ein untrügliches Gespür für treffsicheres Songwriting verbinden sich zu einem Album, das irgendwo zwischen Linkin Park, Lostprophets, The Streets, Pantera, Scooter und The Prodigy eine laute, turbulente, angriffslustige, partytaugliche und schlicht infektiöse Punktlandung hinlegt.
„Wir haben keine Angst, alle unsere Einflüsse in den Mixer zu werfen und ihn einzuschalten, und ich kann nicht leugnen, dass ich mit Beatles und Motown aufgewachsen bin“, erklärt Rou. Bittere Pillen schlucken sich eben immer leichter, wenn sie in einer schmackhaften Hülle stecken.
Aber auch wer kein Interesse an den Inhalten dieses Albums hat, wird anerkennen müssen, dass es schon jetzt als eine der besten Rockplatten 2012 ins Rennen geht. Ob es den Status quo im Weltgeschehen ändern wird, darf man bezweifeln. Aber auch wenn nicht, werden Enter Shikari nie müde werden, die Menschheit auf den richtigen Pfad lenken zu wollen.
Und zimperlich werden sie dabei auch nicht sein: „We’re nice guys. Until we’re not.“ Zieht euch warm an, liebe Neocons!
Matthias Jost
Enter Shikari
A Flash Flood Of Colour
PIAS/Rough Trade
VÖ: 13.01.
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