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Drive

A real hero

In Nicolas Winding Refns brillantem und beinhartem Noir-Thriller zeigt Ryan Gosling als namenloser Fluchtwagenfahrer, wie sich echte Helden zu verhalten haben.  

Im spärlich beleuchteten Apartment gibt nur eine Ecklampe funzeliges Licht, im Fernseher läuft unbeachtet ein Basketballspiel. Der namenlose Typ (Ryan Gosling), der im Seidenblouson samt Skor­pionstickerei lässig am Fenster telefoniert, wird in den nächsten 100 Minuten zur Blaupause des wortkargen und kompromisslosen Helden. Zuvor lernen wir ihn in seinem Abendjob kennen, in dem er sich als Fluchtwagenfahrer verdingt. Hier zeigt sich schnell, dass Driver – wie wir ihn der Einfachheit halber nennen wollen – nicht nur die Straßen von Los Angeles besser kennt als jedes Navi, sondern auch sein PS-starkes Gefährt, einen wunderbaren 1973er Chevrolet Chevelle, perfekt beherrscht.

Die Rolle als einsilbiger Fluchthelfer ist jedoch nur Zubrot, tagsüber arbeitet Driver in der Werkstatt des zwielichtigen Bernie (Albert Brooks) oder fährt für diverse Hollywood-Produktionen als Stuntman Autos zu Schrott. Mit stoischer Gelassenheit lässt er dabei die Aufgeregtheiten seiner Mitmenschen über sich hinweg waschen: Die wilden Pläne seines Werkstattkollegen Shannon (Bryan Cranston) oder die Probleme seiner Auftraggeber tangieren den fein säuberlich geordneten Minikosmos von Driver in keinster Weise. Erst als er die Bekanntschaft seiner Nachbarin Irene (Carey Mulligan) und deren Sohn macht, zeigt Driver Gefühlsregungen hinter seiner Coolness-Fassade. Seine unterkühlte Distanziertheit schwindet und Driver wird in eine Situation gezogen, in der er zeigen muss, dass auch das Los Angeles des 21. Jahrhunderts noch echte Helden hervorbringen kann.

Selbst die Ernennung von „Drive“ zur ultimativen Style-Bombe greift zu kurz und wird Regisseur Nicolas Winding Refns schlicht großartigem Thriller nur im Ansatz gerecht. Mit jedem seiner Vorgängerfilme – der Crime-Trilogie „Pusher“, dem visuell beeindruckenden „Bronson“, der Wikinger-Todesreise „Walhalla Rising“ – hatte sich Refn bereits mit eindrucksvollem Gespür für große Bilder und frischen Ideen als große Regiehoffnung erwiesen, „Drive“ ist sein vorläufiges Meisterstück.  Die Noir-Traditionen von Los Angeles, das Coolness-Kino der Achtziger, den Geist von Chase-Movie-Klassikern wie „Bullitt“, vom Grindhouse beeinflusste B-Movie-Ästhetik, Jean-Pierre Melvilles tragische Gangsterfiguren und einen der besten Soundtracks der letzten Jahre vermengt Refn zum hochmodernen, clever entworfenen Retrotrip, der vom Stilwillen und den cineastischen Sensibilitäten des Regisseurs befeuert wird. Nur langsam, in unterkühlten Bildern und gesprenkelt mit beinharten Gewaltexplosionen, entfaltet Refn seine Geschichte vom einsamen Wolf mit dem eisernen Ehrenkodex und entzieht sich damit geschickt den Klischees und Konventionen des auf Tempo getrimmten Hollywood-Storytellings.

Mit Ryan Gosling und Carey Mulligan in den Hauptrollen, unterstützt von Bryan Cranston, Ron Perlman, Albert Brooks und Christina Hendricks, zeigt Refn neben seinem Sinn für Style auch Gespür dafür, einige der derzeit aufregendsten Darsteller Hollywoods zu versammeln. Egal ob als existenzialistischer Neo-Noir-Thriller, als thinking man‘s „Fast & Furious“, als lakonischer Actionkrimi oder als faszinierender, elegant inszenierter, filmischer Kunstgriff – „Drive“ ist jetzt schon der Platz in unserer Hitliste der besten Filme der 2010er Jahre sicher. 
Eric B. Morten

Drive
USA 2011| Universum
Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks
Features: Trailer, Making Of, Interviews, B-Roll, Featurettes

Fazit: ultracooler, stylisher und unerschrockener Crime-Thriller von Regiekönner Nicolas Winding Refn – unbedingter Tipp!

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