Deichkind
Immer noch ganz oben
Lange Zeit war nicht klar, ob und wie es nach dem überraschenden Tod ihres Produzenten und inoffiziellen Mitglieds Sebastian Hackert mit Deichkind weitergehen sollte. Mit dem Album „Befehl von ganz unten“ melden sich die Hamburger Electrorebellen nun in neuer Stärke zurück!
Nordisch by nature, hanseatisch derb und in jedem Augenblick bereit, von einem Moment auf den anderen die absolute Dancefloor-Anarchie auszurufen. Während allerorten die Wirtschaft kollabiert, machen Deichkind mit ihrem fünften Album mobil – direkt aus dem Untergrund. „Befehl von ganz unten“ – das einzig verlässliche Manifest in Krisenzeiten. Ein gigantisches, (vor-)lautes, lärmiges, überdrehtes und vor allem bitter nötiges Popkulturpamphlet für Bitchfights, Häuserkämpfe, virale Revolutionen und klatschnasse Tanzflächenaufstände. Irgendwo zwischen einstürzenden Hüpfburgen und künstlerischer Neuerfindung – MC Kryptik Joe (alias Philipp Maria Grütering), Ferris Hilton (alias Ferris MC), Porky und der mysteriöse DJ Phono haben es drauf, das gesamte Programm, bestehen mit ihrem Electro-meets-HipHop-Mash-up vor 30.000 verschlammten Kids auf dem Hurricane-Festival genauso wie vor einem mit erhöhtem Eskalationspotenzial aufgeladenen Zeitgeist-Nerdpublikum auf der Berliner Fashion Week. Crashtest for the masses.
„Wir haben zwei Wochen in Songwriting-Klausur in Mecklenburg-Vorpommern verbracht“, erzählt Kryptik Joe über die Arbeiten zu „Befehl von ganz unten“. „Ganz ‚Blairwitch Project‘-mäßig in einem einsamen Haus im Wald, ohne Internet und Fernsehen. Einzig und alleine mit drei Umzugskartons voller DVDs – nur Kackfilme wie ‚Police Academy 7‘ oder ‚Tanz der Teufel‘… So trist es da draußen auch war – aber diese Zeit hat tatsächlich den Hauptteil der Texte inspiriert.“
„Im Grunde hat der Albumtitel auch gar nicht so viel mit Politik zu tun, wie man vielleicht vermuten könnte“, räumt Porky grinsend mit irgendwelchen weltumstürzlerischen Vieldeuteleien auf. „Gerade verheiratete Männer mit Kindern sind dem Befehl von ganz unten ausgesetzt, wenn eine Frau mit schönem Busen vorbei kommt. Wenn Scarlett Johansson dich an den Schamhaaren zu Boden reißt, kann man sich einfach nicht wehren!“
„Für mich hat der Name drei verschiedene Bedeutungen“, unterbricht Ferris MC. „Sebastian liegt seit seinem Tode im Prinzip ja auch unten, es könnte sich also um seinen Befehl handeln. Eine andere Deutungsmöglichkeit hat damit zu tun, sich durch die Erde zu graben. Irgendwann kommt man oben wieder raus. Beziehungsweise unten. Dann ist unten oben und oben unten. Und dann natürlich noch die Eier-Theorie, klar.“
Gruppentherapie, Aktionsbündnis, Männerrunde und „der ultimative Kick“, wie Porky fortfährt. „Mein Motiv, heute noch Deichkind zu machen? ADS, Tourette und Nervenkitzel. Es ist immer wieder spannend, ins Nichts zu rennen und nicht zu wissen, wo man schließlich landet. Ist mir lieber, als eines Tages wie Rea Garvey in irgendeiner Casting-Show zu sitzen...“
Sympathisch eigen, irgendwie. Wie immer. Und wie kritikfähig sind Deichkind eigentlich noch selbst nach fast eineinhalb Karrieredekaden? Porky: „Ich lasse mich gerne von Leuten kritisieren, die mich lieben! Allerdings bin ich ein krasser Sarkast. Wenn ich auf dem falschen Fuß erwischt werde, crushe ich die Leute in Grund und Boden. Das ist der HipHop-Funke von Deichkind. Jeder, der versucht, uns zu kritisieren, bekommt entweder eine komplette Seelenoffenbarung oder wird als gebrochener Mann nach Hause gehen!“
Thomas Clausen
Deichkind
Befehl von ganz unten
Vertigo/Universal


